Akupressur bei Migräne: Punkte, Technik und Evidenz

03. November 2026

Akupressur bei Migräne: So finden Sie die Punkte und nutzen sie richtig. Plus: Worauf Sie achten müssen, damit die Behandlung sicher ist.

Migräne Symbolbild: verschwommenes Gesicht mit geschlossenen Augen und Hand an der Stirn Foto von Alina Latkovic auf Dupephotos.com

Fast 18 Millionen Menschen in Deutschland sind von Migräne betroffen. Die starken Kopfschmerzattacken bedeuten für die Menschen komplett verlorene Tage und einen erheblichen Leidensdruck.

Neben den oft unverzichtbaren Medikamenten suchen viele als Ergänzung zu risikoarmen Alternativen zur Schmerzlinderung, zum Beispiel die Akupressur.

Auf einen Blick:

  • Akupressur nutzt dieselben Punkte wie die Akupunktur, allerdings mit Fingerdruck statt Nadeln.
  • Am besten belegt ist die Wirkung auf migränebedingte Übelkeit über den Punkt Perikard 6 am Unterarm.
  • Für Schmerzstärke und Attackenhäufigkeit stützt sich die Forschung bislang auf wenige kleine Studien.
  • Als Ergänzung zur ärztlichen Behandlung ist Akupressur eine ungefährliche Option, die Sie ausprobieren können. Ein Ersatz für Akutmedikation oder Prophylaxe ist sie nicht.

Migräne: Zahlen, Beschwerden und der Umgang mit Schmerzmitteln

Wie verbreitet ist Migräne?

Nach der Krankheitslast-Studie BURDEN 2020 des Robert Koch-Instituts erfüllen 14,8 Prozent der Frauen und 6,0 Prozent der Männer in Deutschland die vollständigen diagnostischen Kriterien für Migräne. Eine Attacke dauert unbehandelt vier Stunden bis drei Tage, der Schmerz ist typischerweise einseitig und pulsierend, dazu kommen Licht- und Lärmempfindlichkeit sowie Übelkeit. Auffällig ist ein zweiter Befund derselben Studie: Nur eine Minderheit sucht binnen eines Jahres deswegen ärztlichen Rat. Viele behandeln sich über Jahre selbst.

Warum viele nach Alternativen zur Tablette suchen

Wenn Akutschmerzmittel oder Triptane zu häufig eingenommen werden, kann ein chronischer Kopfschmerz entstehen (“medikamenteninduzierte Kopfschmerzen”). Das ist ein belegtes Phänomen, bei dem Patienten und Patientinnen, die regelmäßig Kopfschmerzmedikamente einnehmen, genau deshalb vermehrt unter Kopfschmerz leiden.

Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft rät deshalb, Kopfschmerz- und Migränepräparate nicht länger als drei Tage hintereinander und an höchstens zehn Tagen pro Monat anzuwenden.

Die 10-20-Regel

Daraus ist die bekannte 10-20-Regel entstanden:

  • maximal zehn Einnahmetage
  • mindestens zwanzig Tage ohne.

Gezählt werden die Tage, nicht die Tabletten.

Bei drei oder vier Attacken im Monat ist diese Grenze gut einzuhalten, bei höherer Frequenz wird es eng. Hinzu kommt ein praktisches Problem: Von den Betroffenen mit Übelkeit gaben in einer Befragung 30,5 Prozent an, dass die Übelkeit sie an der Einnahme ihrer oralen Migränemedikation hinderte.

Für das Ausprobieren alternativer Behandlungsmethoden zur Linderung der Schmerzen gibt es also gute Gründe.

Was ist Akupressur? Fingerdruck statt Nadeln

Herkunft und Punktsystem

Akupressur stammt aus der traditionellen chinesischen Medizin und greift auf dasselbe Punktesystem zurück wie die Akupunktur. Statt Nadeln an die Punkte zu setzen, drückt man bei der Akupressur mit der Fingerkuppe oder dem Daumen auf bestimmte Stellen. Diese liegen nach klassischer Vorstellung auf Leitbahnen, den Meridianen, über die das Qi durch den Körper zirkuliert. Jeder Punkt trägt einen chinesischen Namen sowie ein Kürzel aus Meridian und Nummer: Di 4 steht zum Beispiel für den vierten Punkt des Dickdarmmeridians, Gb 20 für den zwanzigsten des Gallenblasenmeridians.

Darstellung von Meridian-Punkten am menschlichen Körper für Akupunktur und traditionelle chinesische Medizin
Bild von Polina ka auf Wikimedia CommonsCC-BY-SA 3.0

Wie Akupressur gegen Schmerzen wirkt

Qi und Meridiane sind anatomisch nicht nachweisbar. Die wissenschaftlich eher haltbare Begründung für die Wirkung der Akupressur liegt in der Auswirkung des festen Drucks auf die Mechanorezeptoren in Haut und Muskulatur. Diese Reize laufen über dieselben Rückenmarksbahnen wie Schmerzsignale. Deshalb kann ein starker Berührungsreiz die Weiterleitung von Schmerz dämpfen. Sie merken das, wenn Sie sich den Zeh stoßen: Ihr Instinkt sagt Ihnen, den Zeh fest zu halten, bis der Schmerz nachlässt.

Dazu kommt die Auflösung von Verspannungen: Mehrere der klassischen Kopfschmerz-Akupressurpunkte liegen genau dort, wo bei Migräne verspannte Muskulatur zu tasten ist, etwa im Nacken unter dem Schädelansatz. Druck auf eine verhärtete Stelle löst Spannung und kann so Schmerzen lindern.

Studienlage zu Akupressur bei Migräne

Übelkeit: der am besten untersuchte Effekt

Die belastbarsten Daten stammen aus einer italienischen Untersuchung von 2012. Vierzig Frauen mit Migräne ohne Aura dokumentierten je sechs Attacken, drei davon mit einem Akupressur-Armband am Punkt Perikard 6 und drei ohne. Die Auswertung zeigte einen deutlichen Rückgang der Übelkeit: Der mittlere Wert sank von 6,4 auf einer Skala bis 10 zu Beginn auf 3,1 nach einer Stunde und auf 0,9 nach vier Stunden. Nach zwei Stunden hatte sich die Übelkeit bei 71,8 Prozent der Teilnehmerinnen mindestens halbiert. Gegen Übelkeit nach Operationen ist derselbe Punkt ebenfalls untersucht, dort mit vergleichbarem Ergebnis.

Schmerzstärke und Attackenhäufigkeit

Ob Akupressur tatsächlich objektiv die Schmerzen lindert und Attacken verringert, ist nicht ausreichend belegt. Eine Pekinger Arbeitsgruppe untersuchte 98 Patientinnen und Patienten mit chronischer Migräne mit Aura und ergänzte die medikamentöse Prophylaxe um Akupressur. Das Ergebnis fiel ernüchternd aus: Die Übelkeit ging zurück, an Schmerzintensität und Attackenzahl änderte sich gegenüber der Vergleichsgruppe nichts.

Positiver fiel eine taiwanesische Studie aus, in der 28 Menschen mit chronischem Kopfschmerz einen Monat lang entweder Akupressur oder ein Muskelrelaxans erhielten. Die Schmerzwerte lagen in der Akupressurgruppe danach deutlich niedriger, und der Unterschied hielt bis zur Nachuntersuchung nach sechs Monaten an; mit 14 Personen pro Gruppe ist die Aussagekraft allerdings begrenzt. Eine iranische Untersuchung mit 76 Migränebetroffenen verglich echte Punkte mit Scheinpunkten und fand eine stärkere Besserung von Schlafqualität und Erschöpfung in der Akupressurgruppe.

Was der Vergleich mit Akupunktur zeigt

Zur Akupunktur gibt es deutlich mehr Material. Eine Cochrane-Übersicht von 2016 fasste 22 Studien zusammen: Gegenüber reiner Akutbehandlung halbierte sich die Kopfschmerzhäufigkeit bei 41 von 100 Behandelten statt bei 17 von 100. Im Vergleich mit Scheinakupunktur schrumpfte der Abstand auf 50 zu 41. Die S1-Leitlinie von DGN und DMKG hält Akupunktur deshalb für wirksam in der Prophylaxe, sieht aber keinen Unterschied zur Scheinbehandlung. Für die Akupressur heißt das: Ein Teil der Wirkung dürfte einfach durch die Berührung und Ruhe eintreten und nicht auf der in der Akupressur angenommenen Wirkung auf die Meridiane beruhen. Für den Alltag ist das kein Einwand: Eine Methode ohne Nebenwirkungen, die eine Attacke erträglicher macht, kann Ihnen durchaus helfen – egal, ob die offizielle Erklärung der Linderung wissenschaftlich bewiesen ist. Sie können die Akupressur ohne Risiko einfach für sich testen.

So finden Sie die Akupressurpunkte bei Migräne

Taiyang an der Schläfe

Taiyang liegt in der kleinen Mulde an der Schläfe, etwa eine Fingerbreite hinter der Mitte zwischen äußerem Augenwinkel und Augenbrauenende. Der Punkt gehört keinem Meridian an und zählt zu den Extrapunkten. Traditionell wird er bei einseitigem Kopfschmerz genutzt, also bei genau dem Muster, das für Migräne typisch ist.

Fengchi im Nacken (Gb 20)

Fengchi findet sich am unteren Rand des Hinterhauptbeins, in den beiden Mulden links und rechts neben der Wirbelsäule. Dieser Punkt reagiert bei Migräne oft empfindlich, weil sich die Nackenmuskulatur während einer Attacke verspannt. Am einfachsten drücken Sie beide Seiten gleichzeitig mit den Daumen, den Kopf dabei angelehnt.

Hegu an der Hand (Di 4)

Hegu sitzt auf dem Handrücken zwischen Daumen und Zeigefinger: Legen Sie beide Finger aneinander, wölbt sich der Muskel, und der höchste Punkt dieser Wölbung ist gemeint. Hegu gilt als klassischer Punkt für Beschwerden im Kopfbereich. In der Schwangerschaft bleibt er ausgespart, weil ihm eine wehenfördernde Wirkung zugeschrieben wird.

Akupressurpunkt Hegu (LI4) an der Hand wird gedrückt
Foto von Mk2010 auf Wikimedia CommonsCC-BY-SA 3.0

Neiguan am Unterarm (Pe 6)

Neiguan liegt auf der Innenseite des Unterarms, drei Fingerbreiten oberhalb der Handgelenksfalte, mittig zwischen den beiden tastbaren Sehnen. Das ist der Punkt aus der Übelkeitsforschung und damit der einzige mit solider Datengrundlage. Akupressur-Armbänder aus der Apotheke halten den Druck dauerhaft.

Illustration zur Lokalisierung des Neiguan-Punkts (Akupressurpunkt) am Unterarm mit chinesischer Beschriftung
Bild von Gemini auf Wikimedia CommonsPublic Domain

Taichong am Fuß (Le 3)

Taichong liegt auf dem Fußrücken in der Rinne zwischen erstem und zweitem Mittelfußknochen, etwa zwei Fingerbreiten vom Spalt zwischen Großzehe und zweiter Zehe entfernt. In der chinesischen Medizin wird er bei Kopfschmerz und innerer Anspannung eingesetzt, häufig zusammen mit Hegu.

Druckstärke, Dauer und Grenzen der Selbstanwendung

Selbst Akupressur durchführen: So gehen Sie vor

Tasten Sie den Punkt mit der Fingerkuppe ab und suchen Sie die Stelle, die am deutlichsten auf Druck reagiert. Drücken Sie dann fest, aber ohne Schmerz, gleichmäßig oder in kleinen kreisenden Bewegungen. Pro Punkt genügen ein bis zwei Minuten, bei paarigen Punkten auf beiden Körperseiten. Atmen Sie ruhig weiter und bleiben Sie möglichst in einer abgedunkelten, stillen Umgebung. Während einer Attacke bearbeiten Sie Taiyang und Fengchi nacheinander, zum Schluss Neiguan.

Wann Akupressur nicht infrage kommt

Ausgespart bleiben verletzte oder entzündete Haut sowie Krampfadern. In der Schwangerschaft gelten Hegu und weitere Punkte als zu meiden; sprechen Sie das vorher mit Ihrer Hebamme oder Ärztin ab. Wichtiger noch sind die Warnzeichen, bei denen Selbstbehandlung fehl am Platz ist: ein schlagartig einsetzender, extrem starker Kopfschmerz, Kopfschmerz mit Fieber oder Nackensteife, Lähmungen oder Sprachstörungen, Sehstörungen jenseits der bekannten Aura sowie ein erstmals im höheren Lebensalter auftretender schwerer Kopfschmerz. In diesen Fällen suchen Sie bitte ärztliche Hilfe.

Häufige Fragen zu Akupressur bei Migräne

Wie schnell wirkt Akupressur bei Migräne?

Bei Übelkeit zeigten sich in der italienischen Untersuchung schon nach 30 Minuten messbare Unterschiede, deutlicher nach ein bis zwei Stunden. Für den Kopfschmerz selbst gibt es keinen verlässlichen Zeitrahmen.

Ersetzt Akupressur die Migränemedikamente?

Die Akupressur ist kein Ersatz für Medikamente. Die Leitlinie sieht nicht medikamentöse Verfahren als zweite Säule neben Akuttherapie und Prophylaxe. Sinnvoll ist Akupressur als Ergänzung allemal, wenn Sie Ihnen hilft, besonders in der Wartezeit, bis das Triptan anschlägt.

Hilft die Anwendung auch zur Vorbeugung?

Die Datenlage dazu ist schwach, das Risiko allerdings ebenfalls. Wenn regelmäßige Anwendung Ihre Anspannung senkt, spricht nichts dagegen. Als nachgewiesen wirksame Prophylaxe gelten Ausdauersport und Entspannungsverfahren.

Sprechen Sie mit Ihrer Apotheke vor Ort

Unser Tipp: Führen Sie einen Kopfschmerzkalender. Ihre Apotheke vor Ort geht die Einträge gern mit Ihnen durch und prüft, ob die 10-20-Regel eingehalten wird und ob Wechselwirkungen mit anderen Präparaten bestehen. Bei mehr als drei Attacken im Monat ist das Gespräch über eine Prophylaxe in der Hausarzt- oder neurologischen Praxis der nächste Schritt.

Quellen

Cochrane: https://www.cochrane.org/evidence/CD001218_acupuncture-preventing-migraine-attacks (abgerufen am 22.10.2026)

Deutsche Gesellschaft für Neurologie: https://www.dgn.org/leitlinie/therapie-der-migraneattacke-und-prophylaxe-der-migrane (abgerufen am 22.10.2026)

DMKG: https://www.dmkg.de/leitlinien/ (abgerufen am 22.10.2026)

Gianni Allais et al: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3362706/ (abgerufen am 22.10.2026)

Ji-Hua Xu und He-Yin Mi: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28682918/ (abgerufen am 22.10.2026)

Meryem Ünülü und Nurten Kaya: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30449440/ (abgerufen am 22.10.2026)

MSD Manuals: https://www.msdmanuals.com/de/profi/neurologische-krankheiten/kopfschmerz/medikamenteninduzierter-kopfschmerz (abgerufen am 22.10.2026)

Robert-Koch-Institut: https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/Journal-of-Health-Monitoring/GBEDownloadsJ/JoHM_S6_2020_Migraene_Spannungskopfschmerz.html (abgerufen am 22.10.2026)

Seyyed Abolfazl Vagharseyyedin: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30600173/ (abgerufen am 22.10.2026)

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